Felix Lang: Doppelleben

Er kauft Aktien der deutschen Bank,
Ackermann ist sein Vorbild.
Er träumt von 25% Eigenkapitalrendite pro Quartal, obwohl er alles zum Leben hat.

Devise, Derivat und Dividende,
so heißen seine besten Freunde.
Finanzaufsicht, Kartellamt und Börsenumsatzsteuer machen ihn traurig.

Er ist ein dicker, gieriger Mann,
trägt stets rotes Krokodilsleder
und kämmt seinen Bart mit Elfenbein.
Er ist Vollblutkapitalist, ein Banker (!!),
der Alptraum unserer Kinder.

Nur einmal im Jahr ändert er sich scheinbar.
Zwar bleibt er dick,
doch tauscht er Leder gegen rote Seide, von Kindern aus Indien handverlesen,
lässt seine Lakaien das umgestylte Bat-Mobil vorbereiten,
holt dafür aber persönlich sein Nutzvieh von den Kumpels aus den arabischen Emmiraten ab,
die das regionale Essen nicht vertragen und deshalb im Dunkeln rot leuchten.

Dann fährt er endlich hinaus,
um Werbung zu machen.
„Sell, hold, put and call“ kennt er zwar noch,
aber heute macht er „give“.

Den Quotenneger Knecht Ruprecht lässt er neuerdings zu Hause.
Früher ein ausgezeichneter Mitarbeiter und Schutzgelderpresser,
verschreckt er heute zu viele Rotznasen mit seiner Rute,
und so kann der dicke Mann weniger Geschenke von der Steuer absetzen.

Sein zumeist fälschlicherweise als Lachen interpretiertes Husten „Ho, ho, ho!“ kommt in Wirklichkeit von den auf den nackten Schenkeln junger Kubanerinnen gerollten Zigarren
- man gönnt sich ja sonst nichts.

Am nächsten Morgen, nach getaner Schmiergeschenkaktion,
teilt er sein Frühstück nicht.
Ab in Anzug und Krawatte,
Goldkettchen angelegt,
Haare nass zur Seite gekämmt,
und vor die Kamera gestellt.
„Willkommen zu den Nachrichten auf N-TV,
ich bin ihr Weihnachtsmann.“

Daniela Heyng: Fräulein Tod

Vom Westen her zieht Nebel auf,
die Menschen, die voll Angst und Not,
unberührt vom Lebenslauf,
einsam warten auf den Tod.

Der zarte Duft der weißen Rose,
bis hinauf ins Firmament,
verwirbelt durch die Windeshose,
wo der Sterne Leuchten brennt.

Fräulein Tod, im Klang von Schellen,
durchmisst den Garten schreitend, kalt.
Der Teich gefriert in sanften Wellen,
der Tau zu Eis sich wirbelnd ballt.

Am Waldesrand, dem Rosenschloss,
ein Junge zitternd, ängstlich, klein,
erwartet er den schwarzen Tross,
doch Todes Augen trügt kein Schein.

Die schwarze Hand des Fräulein Tod
fasst das Kinn des Jungen fest,
schimmernd, hart wie Steine, Schrot,
ihr Augenschlag ein warnend Test.

„Angst?“, fragt sie mit sanften Stimmen
und lächelt voller Grausamkeit,
die schwarzen Klauenhände trimmen
auf zitternde Gehorsamkeit.

Der Junge schluchzt ergeben auf,
das Blut ziert seine Kehle rot,
gierig folgt sie seinem Lauf,
das schwarz-verbrannte Fräulein Tod.

Brückenschlag

 

"Interessant war vor allem der Kontrast!"
Die Mitglieder der Schreibwerkstatt haben am Zweiten Advent zusammen mit dem Leiter des Geest-Verlags, Alfred Büngen, die traditionelle Weihnachtslesung im Titus-Stift in Vechta bestritten.
Abwechselnd mit Herrn Büngen lasen sie eigene Texte zum Thema Weihnachten, die sie in den vergangenen zwei Wochen verfasst haben; der Verlagsleiter versuchte dabei, die Geschichten der Jugendlichen mit eher klassischen Weihnachtstexten zu kontrastieren oder zu unterstützen.
Etwa 20 Zuhörer in der Cafeteria des Titus-Stifts spendeten herzlichen Beifall und - zur Überraschung der Gruppe - am Ende auch das Eintrittsgeld als Dank und "Honorar" für die Arbeit der Jugendlichen.
Für das nächste Jahr wurde locker der Gedanke vorgetragen und verabredet, dass sich die Schreibwerkstatt des Titus-Stifts und die des Antonianums einmal treffen könnten, um gemeinsam zu schreiben.
Eine für viele ganz neue Art des Brückenschlags zwischen den Generationen, die das Schreiben hier ermöglicht!

O. Bröcker

P.S. Unter "Arbeitsgemeinschaften" -> "Schreibwerkstatt" findet sich seit Kurzem jede Woche ein neuer Text aus der Gruppe - ein Montagstext! Schauen Sie doch einmal hinein!

Lena Schnieders: Die Französin

Grümmelsheim an einem Samstagabend so gegen halb zehn. Frau Milchmayer steht hinter der Theke ihrer kleinen Schenke und überlegt krampfhaft, was wohl ein "Pommes de terre" und ein "l´eau" sein könnten. Das war die Bestellung einer jungen Frau, die nicht von hier kam. Keiner kannte sie oder hatte sie schon mal gesehen, aber die Männer konnten sich von den Bildern in ihrem Kopf, die das Auge zuvor eingefangen hatte, nicht lösen.
Mich selbst erinnerte sie ein wenig an Brigitte Bardot durch ihre blonden Haare, den tiefen Ausschnitt und die lange Zigarette zwischen ihren rot lackierten Fingernägeln. Ich ertappte mich dabei, wie ich mich über ihre blonden Haare wunderte, obwohl sie doch Französin war. Der klassische Schubkistendenker, der in uns allen steckt, war zum Vorschein gekommen. Dabei hasste ich Schubladendenken. Es ist doch auch nicht jeder Deutsche ein jodelnder Kuckucksuhrenliebhaber.
Frau Milchmayer kreuzte meinen Gedankenfluss, als sie der französischen Dame eine guten Schleif voll Kartoffelsalat und etwas Apfelsaft brachte. Die arme Frau, sie hatte nicht herausgefunden, was die Bestellung wirklich bedeutete, und einfach einen deutschen Klassiker serviert. Dem Brigitte-Verschnitt war der Ekel über das Mahl deutlich anzusehen und sie konnte es sich nicht verkneifen, die Wirtin zu beschimpfen. Das ganze Theater nur wegen Kartoffelsalat und einer Kommunikationsstörung.
Nachdem das französische Fräulein ihren Tobsuchtsanfall überwunden hatte, erschien ein kleiner Mann im Wirtshaus.
Er hatte kurzgeschorene schwarze Haare, die er mit einem grünen Generalshut bedeckte. Seine Uniform war übersät von Abzeichen und seine hohen Stiefel glänzten wie die Speckschwarten beim Metzger. Er hatte eine tiefe Narbe in der linken Gesichtshälfte, die er keineswegs verbarg. Ganz im Gegenteil, er schien sehr stolz auf sie zu sein, genauso wie auf den Stern, der sein Land repräsentierte und auf seiner linken Brustseite aufgenäht war. Er blickte suchend durch den Raum, schien aber nicht auf das zu stoßen, was er suchte.
Sein "Spotblick" blieb auf dem Ausschnitt der Französin hängen. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als ich sah, wie sich ein grausames Lächeln auf seinem Gesicht zu entfalten begann, er korrigierte seinen Ausdruck nicht, sondern schritt auf sie zu. Seine strammen Schritte erfüllten den ganzen Raum und mir war, als würde er nicht mehr warten können, als habe er es eilig oder sehr nötig.
Die junge Frau sah ihn an und schien sofort zu verstehen, was er wollte. Aber sie zierte sich. So ist es recht, ich war vergnügt über den Gedanken, dass ein so harter Soldat, der Orden und Abzeichen trägt, nicht in der Lage dazu war, eine Frau rumzukriegen.
Ich lag falsch, er packte sie wütend am Handgelenk und riss sie zu sich. Der Tisch fiel zu Boden und der Kartoffelsalat bahnte sich seinen Weg auf dem Fußboden. Es blieb kaum Zeit zum Nachdenken, denn er zog sie hinter sich her auf die Straße und dann in ein Auto.
Ich lief hinterher, entsetzt über das eben Geschehene.
" Hey Sir, Sie können doch nicht...." Draußen war Totenstille.
Als wäre nichts passiert, legte die Dunkelheit sich über die Bewohner und den Zwischenfall in der Schenke.

Svenja Bösing gewinnt Literaturpreis

svenja berne

Am Sonntag wurde Svenja Marie Bösing aus der Schreibwerkstatt mit dem Preis der besten Nachwuchsautorin der 2. Berner Bücgherwochen ausgezeichnet. Dazu musste sich Svenja zunächst gegen etwa 400 zum Teil professionelle Autoren durchsetzen, damit ihr Text "Ich bin müde" (siehe unten) in die Anthologie "Grenzerfahrungen" aufgenommen wurde.
Nachdem sie schon bei der Eröffnungsveranstaltung der Bücherwochen lesen durfte (siehe vorletzten Bericht), nahm sie nun aus den Händen des Veranstalters, Reinhard Rakow, und der Sprecherin der Kulturstiftung Wesermark, Birgit Bethge, den mit 100 Euro dotierten Preis entgegen.
Ihr Text, so Reinhard Rakow bei der Verleihung, zeige mit der Darstellung eines männlichen Jugendlichen, der sich im Urlaub in einen älteren Jungen verliebt, ein ungewöhnliches Einfühlungsvermögen in diese Art Grenzüberschreitung.

Svenja ist seit einem halben Jahr Mitglied der Schreibwerkstatt, in der sich zurzeit acht Jugendliche wöchentlich mit selbstgeschriebenen Texten auseinandersetzen.
Ab sofort wird auf dieser Seite unter "Arbeitsgemeinschaften" - "Schreibwerkstatt" etwa jede Woche ein Text dieser Gruppe veröffentlicht werden.
Viel Spaß beim Lesen - und vielen Dank für eure dann hoffentlich zahlreichen Rückmeldungen!

Der prämierte Text von Svenja

Ich bin müde
(Svenja Marie Bösing)

Er steht vor mir. Groß und breitschultrig. Er trägt dunkle Jeans und einen blauen Pullover. Seine weichen Gesichtszüge sind von dunkelblauen Haaren gerahmt.
„Hey“, sagt er, „ wie heißt du?“
Ich richte mich auf und stecke meine Hand in die Hosentasche. Bleib cool, sage ich mir.
„Wer will das wissen?“ Er lacht. Ich glaube, das war eine Spur zu übertrieben. Doch dann antwortet er: „Joe.“
„Hannes“, sage ich.
„Wie alt bis du?“, fragt Joe.
„15 – und du?“
„17“, sagt Joe und dann, „ich komme aus Amerika.“
„Ach ja! Und warum sprichst du dann Deutsch?“
Im nächsten Augenblick tut es mir leid. Ich öffne den Mund, doch kann nichts sagen. Einen Moment schaut er mich an. Dann spuckt er auf den Boden, dreht sich um und geht.
„Was soll das?“, rufe ich ihm hinterher.

Die Mittagssonne brennt mir heiß im Nacken. Oh Mann, ich halt’s hier nicht mehr aus.
„Mama? Ich lauf ein bisschen über den Campingplatz.“
Also stehe ich auf. Ich weiß schon, wo ich hin will, denn einen anderen schattigen Platz fände ich so oder so nicht. Ich setze mich auf die Schaukel und lasse den Kopf sinken. Ich bin so müde, ich kann die Augen kaum aufhalten. Um wach zu bleiben, stoße ich mich mit den Füßen ab und schwinge vor und zurück. Den Blick der französischen Sonne entgegen.

Ich liege mit dem Bauch auf der Decke. Der Stoff kitzelt in meinem Nabel. Die Hitze lässt kleine Schweißperlen meine Schläfe hinabrinnen. Ich schlafe ein, endlich.

Ich spüre, wie sich ein Schatten über meinen Rücken legt. Jemand beugt sich mir entgegen, legt seine Hand auf meine Schulter. Sie ist nass und kalt, ein Schauder überläuft mich. Ich drehe mich um, und Joe blickt mir entgegen. Schnell setze ich mich auf. Mir wird schwarz vor Augen, und ich schüttle den Kopf.
„Alles klar, Hannes?“ Seine Stimme klingt besorgt. Ich muss lächeln.
„Ja. Nur zu schnell hingesetzt. Weißt du, wie spät es ist?“
Er blickt mich an, seine Augen rost-braun. „Auf jeden Fall noch nicht zu spät für einen Sprung ins Wasser!“, antwortet er und rennt aufs Meer zu. Kurz davor stoppt er und zieht sein Shirt aus. Er ist durchtrainiert, seine Haut milchkaffeefarben. Langsam stehe ich auf. Mein Kopf brummt von zu viel Sonne. Nur widerwillig entkleide auch ich mich.
Meine Haut ist weiß und mein Bauch wölbt sich ein bisschen zu weit vor.
Schnell renne ich ins Wasser und stürze mich in die Fluten. Auf einmal taucht Joe neben mir auf. Er grinst und klopft mir auf den Bauch. Ich werde rot und lächle schüchtern zurück.
Dann taucht er unter und ich folge ihm. Im Wasser schlägt mich keiner. Tauchen kann ich wie kein anderer.
Schwer atmend tauche ich neben Joe auf. Seine Haare stehen in alle Richtungen ab. Seine Augen sind rot vom salzigen Wasser.
„Und? Na, wie lange hab ich getaucht?“
„Keine Ahnung“, sagt er, „es war zu lange, ich hatte keine Lust mehr zum Zählen.“
Ich ärgere mich. „Mann Joe, ich hab immer mitgezählt. Das ist unfair.“
Er lacht, lacht mich aus! Wütend bespritze ich ihn mit Wasser. Eine Ladung direkt in seinen spöttischen Mund.

Er hustet, hustet und hört nicht mehr auf. Ich bin müde, doch ich schwimme in seine Richtung. Habe Panik, dass etwas nicht stimmt. Ich fasse ihn an der Schulter.
„Was ist los?“ Was hast du denn?“ Grade als ich direkt vor ihm stehe und in sein Gesicht schaue, schlägt er mit der flachen Hand aufs Wasser. Ein Schwall kommt mir entgegen, und ich kann mich nur knapp wegdrehen, um nicht alles ins Gesicht zu bekommen. Ich glaube es nicht. Mit einem Mal werde ich hellwach. Das schreit nach Rache!
Es dämmert bereits, als wir genug vom Wasser haben. Gemeinsam waten wir dem Strand entgegen.
Ich suche meine Sachen zusammen, ziehe mein Shirt über.
„Ich muss jetzt gehen“, sagt Joe und legt mir seinen Arm um die Schulter. „Treffen wir uns morgen, Hannes?“
Er blickt mich an, ich spüre seinen Atem an meiner Wange. Ich nicke. „Bis dann“, sagt er. Ich spüre, wie seine Lippen mein Ohr streifen.
„Ich geh gleich schlafen, Mama!“, rufe ich. Ich bin so müde.

Erfolg für Schülerin aus Schreibwerkstatt

svenja

„Kultur – was bringt das? Rechnet sich das?“
Mit diesen Worten leitete die Vorsitzende des Rates von Berne/Wesermarsch ihre Eröffnungsrede der 2. Berner Bücherwochen ein. Sie zitierte damit eine Frage, die sich Kulturschaffende gerade auf dem Land immer wieder anhören müssen. Und sie traf damit auch die Frage, die sich die Schreibwerkstatt des Antonianums immer wieder stellen lassen muss bei ihrem Versuch, „Brücken zur Kultur“ zu bauen.
In diesem Fall hatten mehr als 400 Autoren, darunter viele Profis, weit über 4000 Textseiten eingereicht zum Literaturwettbewerb der 2. Berner Bücherwochen, die am Donnerstag eröffnet wurden. Auch die Mitglieder der AG Schreibwerkstatt haben ihre Texte zum Thema „Grenzen“ eingereicht und die Kurzgeschichte „Ich bin müde“ (siehe unter mehr…) von Svenja Marie Bösing (Klasse 10 b) wurde unter dieser starken Konkurrenz ausgewählt für die Anthologie „Grenzerfahrungen“.
Und nicht nur das: Svenja war auch eine von nur fünf Autorinnen und Autoren, die ihre Texte bei der Eröffnungsveranstaltung lesen durften. Die etwa 200 Zuhörer, darunter etwa 50 Autoren von anderen Anthologiebeiträgen, waren sehr angetan von Text und Vortrag, was der Autorin beim anschließenden Empfang mehrfach persönlich bestätigt wurde, unter anderem vom Veranstalter der Bücherwochen, dem Autor und Maler Reinhard Rakow.
Wer die Texte von Svenja und den anderen (zurzeit) sechs Mitgliedern hören will, bekommt dazu im kommenden Halbjahr mindestens zweimal die Gelegenheit; die genauen Lesungstermine in der Schule bzw. im Museum im Zeughaus folgen. Außerdem werden in naher Zukunft ständig einige Texte auf der Homepage stehen, wie auch auf den Tischen der Cafeteria immer wieder Gedichte und Kurzgeschichten zu finden sind.

O.Bröcker

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