Svenja Bösing: 20.08.09

sie hört die Klingel
sie öffnet die Tür
sie hat den Jungen an der Hand
sie fühlt seine Wärme
sie sieht das Gesicht des Mannes
sie übernimmt das Geld
sie übergibt den Jungen
sie übersieht seine Angst
sie überhört seine Tränen
sie schließt die Tür

sie muss es tun

sie hört die beiden im Treppenhaus
sie weiß wann der Junge zurückkommt
sie kann machen was sie will
sie hat ihn geboren

-er ist ihr Sohn-

sie kniet vor sich selbst
sie zieht an ihrem Rock
sie überhört ihre Tränen - schon lange

Felix Lang: Picasso

Picasso, was machst du da? Ich frage dich, Picasso, was machst du da? Malst du da etwas, Picasso? Malst du etwas auf Papier oder Leinwand?
Ölst oder aquarellisierst du wieder durch die Gegend und verwirrst mich? Ich verstehe dich nicht.
Mein Goethe, was machst du da bloß?
Soll ich dir meine Buntstifte geben, lieber Picasso?
Damit kann man Mama Mia primadissima aus vollster Seele den Sinn des Seins simulierend viele kleine Vierecke und Kreise malen. Und Striche. Und viele kleine Hunde, die Menschen darstellen sollen. Und viele kleine Menschen, die Hunde darstellen sollen.
Lieber Picasso, mal doch mal was Malenswertes. Wie z.B. Kreise, die Kreise darstellen sollen.
Ich mag Kreise. Die haben keine Kanten, keine Voltaires und Rousseaus schon gar nicht!
Oder wie wär´s mit Würde? Die kannst du doch bestimmt malen, lieber Picasso. Mit dem Seinessinn hast du´s ja auch schon fast geschafft. Dann ist das doch ein schillerndes Kinderspiel für dich, du Kasanova.
Ach Picasso, du sagst so wenig. Stille Wasser sind Langweiler.
Mach mal den Mund auf, du Langweiler. Sonst geh ich jetzt und nehme meine Buntstifte mit, wenn du nichts mehr sagst. Ach Mann Picasso, sei doch mal spontan.
Du bist doof!
Dann spiel ich jetzt eben mit Kleist. Der kann zwar nicht malen, dafür weiß er aber, wie man einen Schnellschuss macht!

Laura Klatte: Nächte auf Ibiza

So stand er nun vor ihr. Wie Gott ihn schuf: groß, muskulös, braungebrannt. Seine langen schwarzen Locken rochen nach der Spanischen Sonne, als sich sein starker Oberkörper langsam zu ihr beugte.
„Oh Carlos!“ flüsterte sie geheimnisvoll, „ich kann gar nicht...“ Doch bevor sie den Satz beenden konnte, presste er leidenschaftlich seine Lippen auf die ihrigen. Die Lippen des Spaniers waren sanft und weich und als er sie wieder löste, konnte Petra kleine Schweißperlen der Erregung auf seiner Stirn erblicken.
Carlos’ Blick in die blauen Augen dieser blonden Schönheit war tief und voller Vorfreude auf das, was noch passieren könnte.
Er berührte sanft ihren linken Ellbogen, bevor er sie wieder mit großer Hingabe küsste. Langsam schob er dabei mit zitternder Hand den Träger ihres Oberteils herunter, bevor seine Zunge sanft die von Petra liebkoste.
Erhitzt und errötet von der Sehnsucht nach seinem Körper begann auch sie zu zittern, glühend vor Lust.
War es der Reiz des Verbotenen?
Die Gefahr, sie könne ihren Mann und Carlos seinen Job verlieren?
Schließlich war es Carlos als Golflehrer der spanischen Clubanlage untersagt, auch nur ein Treffen mit weiblichen Gästen einzugehen.
Doch all dies zählte jetzt nicht, nicht in diesem Moment, nicht zwischen den beiden.
Günther, Petras Mann, war derweil weit weg in Bayern und sie mit Carlos hier.
Als er sie mit einem kräftigen Griff an die Hüfte auf den Tisch setzte und ihr stürmisch das Shirt auszog, verlor Petra auch ihre allerletzten Zweifel und warf ihr schlechtes Gewissen zusammen mit ihrem Shirt in die letzte Ecke des kleinen Büros. Auf der Glasscheibe des Schreibtisches spiegelten sich durch das Fenster der Mond und das Sternbild des Orion: Genauso sah sie Carlos in diesem Moment, als starken Jäger, der sie geradezu mit Leidenschaft überflutete.

Livia Tönnies: Friedliche Stille

Friedliche Stille, fast schon beruhigend,
Doch sie ist bestimmt von Einsamkeit.
Die Silhouetten nackter Steine und akkurat gepflanzter Blumen,
Jeder hier Wohnende hat seinen Platz und Garten
Begrenzt von einem Gehweg und der Erde des Nachbarn.
Der Mond bescheint die welken Blätter eines Weidenbaumes,
Sein Licht erhellt die Dunkelheit.
Regen legt einen Schleier über die Welt,
Doch die Trauer hält schützend ihren Schirm über dich;
Während du dich auf den Weg machst,
Einen alten Freund zu besuchen,
Den du schon lange nicht mehr gesehen hast.

Lena Schnieders: ohne Titel

Anders sein als der Nachbar
Nachdenkendes Handeln, um nicht aufzufallen
Nachfolgende gezielte Wortwahl die den
Einsamen Sprecher in vermeintliches positives Licht stellt
Hochmütige Blicke einzelner
Merkmale der Selbstzweifel
Entkommen ist unmöglich
Namen die hallen im Geschwätz der Missgönner

Kim Weißer: Diskoschlampe

ontag, 25.01.2010 21:25, Autor: ]

Hastig nahm sie ihre Verzehrkarte entgegen und versteckte sie schnell in ihrem BH.
Das Licht vibrierte um sie herum, flutete durch die Eingangshalle.
Sie merkte, wie sich ihre Muskeln langsam entspannten und ihre Schultern etwas hinuntersanken.
Spiegel dienten als Wandverkleidung.
Die betrachtenden Augen ihres Abbildes glitten über ihren Körper.
Ihr weißer Rock reichte bis über das Muttermal auf dem Oberschenkel, ihre Stiefel kletterten bis zum Knie.
Das Bauchnabelpiercing blitzte wie ihre Ohrringe und die Kette, die bis in den Ausschnitt fiel.
Die Verzehrkarte fiel im Push-Up nicht weiter auf.
„Geil“, rief ein schon in die Disko Torkelnder.
Sie drehte sich um, das zuckende Licht auf ihrem misstrauischen Gesicht ließ sie wie im schleudernden Sturm, im Gewitter erscheinen.
Sie atmete tief ein, so viele Menschen, ihre Mädels winkten.
„Jessi, komm. Wooohooo!“, schnell lief sie zu ihrer Freundin.
Als sie die Main Area betraten, schlug ihnen der Wall aus Musik entgegen, die Bässe traten gegen ihr Herz.
„Eeeeyyy, Jessica! Sexy Chics. Kommt rüber, ham grad drei Flaschen Wodka offen.“
Ein Bekannter gestikulierte angetrunken durch die künstliche Luft.
Der Lasernebel umhüllte sie, als sie die Jungs begrüßten.
Sie kannte alle bis auf den letzten, den sie in die Arme schloss. Sein Aftershave roch intensiv.
Ihre Freundin bewegte sich schon zum Beat.
Doch Jessica tanzte nicht, ihre Muskeln zu verkrampft.
Der Wodka floss ihre Kehle hinunter, sie schüttelte sich. Ein letzter Tropfen stürzte ihre Haut hinab und zog die Spur der Nacht.
Sie grinste und nahm noch einen Schluck.
Die leere Flasche gab sie der Bedienung zurück.
Für einen Moment berührten sich ihre Duftwelten und der Kosmos außerhalb des zuckenden Nebels stürzte auf Jessica ein.
Parfüm ihrer Mutter. Vor dem Fernseher. Kaltes Licht zuckt über die Masse auf dem Sofa.
Müde Augen, flackernde Gleichgültigkeit, wenn Jessica geht, schon wieder, egal wann sie wiederkommt. Ob.
Sie schüttelte den Kopf, nasser Hund im Regen, und legte den Arm um die Hüfte des Unbekannten. Sein Aftershave hielt sie fest.
Sie nahm noch einen Schluck aus der anderen Wodkaflasche.
Ihr wurde warm, heiß, endlich war ihre Kleidung nicht mehr unangemessen. Ihre Freundin zog sie auf die Tanzfläche.
Der Beat rauschte durch ihren Körper, explodierte in ihrem Kopf, wie das Licht darüber.
Sie riss die Hände in die Höhe, „Woooh“, streckte sich sexy der Decke entgegen, strömte mit dem Bass.
Sie ahnte, dass alle Jungs im Umkreis sie geil fanden, haben wollten.
Sie tanzte in Richtung Boden, in ihrem Kopf taumelten Musik und Licht durcheinander.
Plötzlich umhüllte sie wieder das Aftershave, der Typ tanzte sie an, legte seine Hände auf ihre Oberschenkel.
Er suchte die Spur der Nacht, den Wodka an ihrem Hals, ihr wurde heiß.
Heute Nacht würde sie geliebt werden.
Rausch aus Wodka, flackernden Herzen und rasenden Beats.

Karen Luc: Jugendsünde

Müde Schwüle tropfte dunkel von der rosa Blümchentapete. Schwer legte sich die feuchte Luft, in das Zimmer schleichend, auf alles Leblose und Lebende. Der helle, kluge Kopf neigte sich dem Ende, die Öffnungszeiten waren vorbei. Bebende Stille. Die gefangenen Glühwürmchen flackerten schwach und kurz, bis sie zerstört wurden. Sie erwachte. Völlig aufgelöst tapste sie in ihrem duftenden Nachtnegligé durch ihre Schreibtischschublade und griff nach der unsichtbar von Tabak umhüllten Streichholzschachtel. Die schüchterne Flamme erlichtete den verbrecherischen Klumpen. Ein grün-rot frühgereifter Apfel. Sie nahm ihn an sich. „Der kommt doch aus unserem Garten!“, dachte sie und glitt instinktiv zur Balkontür. Ihr Puls raste, als ihre Blicke mit den verlorenen eines braun zerzausten Kopfes aufeinanderstießen. Sie wusste, dass er betrunken sein musste. „Alyssa, ich will dir was sagen!“ Ihr hellwacher Verstand holte sie zurück. Seine Gehirnzellen defektierten. „ Jeden Morgen…an dem ich dich seh- ne…sehe ich mich… nach… dich! Keine Stunde vergeht … ohne, dass ich - nicht…“ Hin und her schwenkte er zum Pendel einer brüchigen Uhr. Erst jetzt entdeckte sie den verwelkten Blumenstrauß zwischen seine Fingern geklemmt. Margeriten, aus ihrem Garten. „ Keith,… bitte … bitte geh nach Hause!“ Sein glasiger Blick verengte sich, genau wie damals. Vergangene Gedanken durchkreisten irrelos ihren Kopf. Sie standen vor der Schulbibliothekskammer. Sie wunderte sich, was den sonst so schüchternen Mitschüler aus ihrem Biologiekurs hier aufhielt. Sein Blick spiegelte ihre eigenen Augen wie das bunte Glas ihrer Balkontür wider. Faszinierend. Die Hände, zwei Lektüren im Regal seiner Hosentasche gesteckt, stammelte Keith sie zum ersten Mal an. „Du hast ein wirklich … engelgleich schönes Tattoo.“ Eine goldene Feder ragte verschmitzt aus dem gebrochenen Flügel ihres linken Knöchels. „Danke.“, antwortete sie und eine rötlich blasse Wärme umspielte ihre Wangen. Es ziepte. Ein neugieriger Blick genügte, um die deutlichen Spuren ihrer schwachen Nerven zu erkennen. Doch das beschwingende Gefühl der Bestätigung haftete sich fest an ihr. „Bitte, Alyssa… lass mich rein! Ich …ich… liebe dich.“ Eine Starre des Schocks ließ ihre Arme sinken. Sie hatte es gewusst - schon lange. Und doch setzte ihr Puls beim Anklang dieser drei einfachen Wörter aus. Nie zuvor, außer bei ihrer alten Mutter, durchdrungen solche lieblichen Worte zu ihr. „Mama, sag mir warum. Es bleibt auch nur dieses eine Mal! Diese eine letzte Party im Monat.“ Flehentlich. „Nein, meine Liebe. Du bleibst brav zu Hause. Schließlich ist dein Vater heute zurückgekehrt.“ Alyssa ließ nicht nach; sie wollte nach den Sternen greifen. Der lächelnde Abend, an dem sie Momente der sich mit ihr verschmelzenden Welt genießen wollte, endete bitter und vereist. Eine leere Wand weiter wehten dumpfe Schreie ihrer streitenden Eltern durch den Türschlitz ihrer geschlossenen Zimmertür. Von der Starre erlöst, zitterte sie leicht. Ihr hellwacher Verstand verließ sie. Die verblassten Flügel schritten automatisiert von Fenster zurück. Momente der Dunkelheit zogen weiter. Befreit wandelte sie sich vom weißen Strudel zwischen Zeit und Illusion ab. Eine Fülle von Schwarz befleckte das belebte Naturwild, Erinnerungen verliefen sich in der Masse. Die Woge unausgesprochener Tropfen legte sich schwer auf die leblosen Schatten. Leichenduft. Die Glühwürmchen waren längst ausgeschwirrt. Sie versammelten sich punktuell auf den trockenen vermoderten Boden an. Alyssa wedelte sie seichte weg. Ein saftiger rot ausgereifter Apfel. Das langsam verschwimmende Glas im Herzen nahm sie ihn an und biss blind hinein.

Eike Wahls: Mein Feind, der Nachtfreund

Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, an dem ich auferstehe von den Depressierten, an dem ich das tiefe Tal der Trauer hinter mir lasse. Wie aus dem Nichts kam es über mich, gerade über mich, den doch sonst so bodenständigen Kaufmann von nebenan. Es sollte der erste Tag werden, an dem es wieder aufwärts geht. Verkehrsunfall auf der Autobahn, 200 Sachen, Leitplanke, eine tote Frau, meine Frau, keine Verletzten, nur Blechschaden. Für mich allerdings Totalschaden... Der erste freie Tag bis dass der Tod euch scheidet, also nun geschieden hatte.
Auf dem Friedhof hatte ich sie kennen gelernt, ähnliche Geschichte, mein Alter; erstes, nun gut, zweites Treffen auf dem Jahrmarkt um die Ecke.
Früher konnte ich es nie ertragen, in eine ungewisse Zukunft zu vegetieren, andererseits könnte ich meinen Beruf gleich an den Nagel hängen, wenn mein „Ein-und-Alles“ nicht mehr hier ist, von uns gefahren ist. Warum lebt man denn noch, wenn die Realität es möglich macht, jeden in eine solche Perspektivlosigkeit zu zwingen? Ich jedenfalls gehöre nicht zu diesen Freunden der Realität, die vor der ersten Freundin einen Bausparvertrag hatten. Obwohl das so auch nicht richtig ist, denn vor dem Wegfahren war ich auf dem besten Weg gewesen, in diesen Freundeskreis aufzuschließen. Doch eigentlich sollte ich Ihnen das hier gar nicht erzählen, wenn es doch mein erster Tag ist heute. Aber die Vergangenheit als guter alter Freund bleibt an mir haften wie ein Schatten in der Sahara, selbst die Nacht kann ihn nicht vertreiben, sie vermehrt ihn, sodass er fett wird. Dann liege ich dort alleine und doch ist es, wie als wenn man immer wieder eingeholt wird, von der Vergangenheit, diesem fetten Freund, der mich mit seiner Unförmigkeit immer daran zu erinnern versucht, wie es war früher. Nachts muss ich mich ihm stellen, denn dann ist er überall um mich herum und ich falle in dieses tiefe Loch der Verfolgung alter Gedanken, auf der Suche nach dem Licht.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden. Ich stellte keine zu hohen Erwartungen an ihn, außer dass er mein Leben verändern sollte. Aber dies macht doch auch schon heute jeder Tag? Was war nun also das Besondere an diesem Tag? Versprach ich mir von dem Treffen einer Witwe wirklich so viel, dass es sich lohnte, von Neubeginn zu sprechen?
Wir trafen uns am Riesenrad, Erkennungszeichen Kreuz als Halskette. Warum wir danach ausgerechnet in die Geisterbahn wollten, dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen, wenngleich es durch viele neue Ereignisse erneut in mir belebt wurde. Dieser Ort verbarg eine tiefe Offenbarung. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass mein guter alter Freund sich selbst in ihr verbarg, ich wäre nicht eingestiegen. So nun aber musste ich mit ansehen, wie er auf mich lauerte, direkt nachdem die Gondel die Eingangstür passierte. Meine Begleiterin musste ihn auch spüren, schließlich schmiegte sie sich an meinen Oberarm, umklammerte ihn wie einen Rettungsring. Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch ich brüllte aus Leibeskräften einen ehemaligen guten alten Freund an, der nicht akzeptieren wollte, dass ich keine endlosen Nächte mehr mit ihm verbringen möchte, mich der Versuchung, seine Nähe zu suchen, entsagen wollte. Ich wurde ihn aber nicht los, dieses Wesen, das sich Freund schimpft und mich umgibt wie eine schwarze Brille, die sich nicht mehr abnehmen lässt. Ich brüllte ihn weiter an, sprang auf und warf meinen Schuh nach ihm, aber es half nichts, denn er war schließlich überall. Meine neue Bekanntschaft wusste nicht, was sie tun wollte, und schien mehr aus Frust als aus Angst zu schreien, bei mir hingegen war es schlicht Angst, wieder in die tiefe Schwärze zu fallen, durch die ich gerade fuhr.
„Hau ab“, schrie ich und „Such dir jemanden anderes“, entgegnete ich seinem Schweigen. Schweigen war sowieso sehr typisch für ihn, immer nur Schweigen. Ich konnte selbst den ganzen Tag lang mit ihm in alten Gedanken schwelgen, ein Wort brachte er dabei nie hinaus. Einzig seine Anwesenheit war Grund genug, mich zu belasten. Damit sollte aber heute Schluss sein.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch auf einmal wurde es Licht. Offensichtlich musste ein Mitarbeiter der Geisterbahn meinen Freund rausgeschmissen haben, richtig so, zahlte er doch keinen Eintritt und beanspruchte trotzdem, sich drinnen auszubreiten und auf mich zu lauern. Nur um mich dann wieder in diese tiefe Welt zu stürzen, wo er mich hinhaben will. Er scheint Spaß dabei zu haben, andere leiden zu sehen, anderen den letzten Atemzug aus der Lunge zu blasen oder anderen Steine in die Suppe zu schmeißen, die es auszulöffeln gilt. Genau genommen kann mein Freund also gar nicht ein Kumpel sein, es muss sich um einen Feind handeln, welcher mich immer wieder umgibt, um mich zu benebeln mit seiner Melancholie, bis ich angesteckt bin von ihr wie von einer Droge. Ich nenne meinen Feind „Nachtfreund“, denn nur mit einem Namen kann ich ihn auch bekämpfen.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch er beginnt mit einem Kampf gegen das Alte.

Tale Inger Ulbrich: Grenze - Ich - Grenze

Grenze - Ich - Grenze

Die ewige Freiheit des Menschen, die unantastbare Würde, was sind das für Grundsätze, die niemals eingehalten werden oder eingehalten werden können? Unmöglich. Ich lebe; doch dieses Leben ist nicht meines, ich spreche nie von meinem Leben, dieses Leben eines Mädchens ist fremdbestimmt. Grenzen, geschlossene Grenzen in einem System ohne jegliche Hoffnung auf ein endliches Ende. Wie eng ich sitze, stehe, lebe. Diese Enge ist unglaublich, sie reicht weit, sehr weit. Sie geht bis ins kleinste Detail, kontrolliert was ich tue, was mich veranlasst Dinge zu tun. Ich sehe immer nur diese eine Welt, in der ich Freunde habe, Familie, ein Zimmer, ein Auto, ein Boot, ein Buch, aber warum? Warum alles das, alles, das meine Umgebung bestimmt, mein Verhalten, das Verhalten einer Lebenden.
Meine Geburt war ein Bestimmtnis. Ich war ein Wunschkind. Eine gleichzeitige Grenze. Ich kann nichts sehen, fühle mich hilflos, ungewiss vor der Zukunft, unmittelbarem Wohlbefinden meiner Person und das der anderen. Das einzige, was mir bleibt, ist groß, ist weit, ist unantastbar, ist nicht da, für niemanden sichtbar. Es gehört mir nicht. Es hat praktisch keinen Sinn. Es ist nicht bestimmt, etwas, das selber sein kann, leben darf. Grenzenloses Eigenleben, die Weite, die ich mir vorstelle, aber trotzdem nicht wünsche.

Luisa Chilinski: Schweißnassgebadet...

g, 28.12.2009 20:40, Autor: ]

Schweißnassgebadet aufgewacht
erneut geträumt, erneut gestorben:
James Mortis fällt, sein Kopf schlägt auf
als schwarzer Regen ihn bedeckt.

Jeden Morgen, jeden Abend
tief verloren, Soldat James Mortis
wenn seine Kellertür sich schließt

Ach, wie war der Tag noch damals
als Feuer fern und Leid ihm fremd
Menschen sich zufrieden lieben
Vergnügen spät erkannten Werts

Sie kamen als Pulk, sie stürmten im Wahn
getrimmte Meute! verschluckte den Tag.
Aus staubiger Asche Polizei drängte an
zerstörte mit blut'gen Waffen das Land!

Jetzt kämpft James Mortis in seiner Welt
träumt von der Kugel in seinem Herzen, geteiltes
Leben, verlor'nes Leben
zersplitterte Scherben
sucht Splitter täglich im Schlaf.

James Mortis, James Mortis
oh deine Blumen sind welk
komm ans Licht und kauf' neue
säe neu doch dein Beet

– das Loch deiner Brust wartet lang schon auf Grün

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